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Donnerstag, 2018-05-24

Breitblättriges Knabenkraut

[Text und Bilder: U.Nickel]

Breitblättriger Sumpfwurz

Bienen Ragwurz

Frauenschuh

Geflecktes Knabenkraut(1)

Zweiblättrige Waldhyazinthe

Das breitblättrige Knabenkraut und weitere Vielfalt!

Orchideen verbindet jeder mit dem Zauber wunderschöner Blüten aus dem Gewächshaus und einer großen Mannigfaltigkeit im tropischen Regenwald. Dass sich diese Perlen der Natur auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wohl fühlen, ist kaum bekannt. Heimlich und anscheinend unbemerkt gedeihen diese Pflanzen bei uns und fristen ein wahres Schattendasein. Mit nahezu 70 verschiedenen Arten fällt der Reichtum im Vergleich zum Regenwald eher spärlich aus. In ihrer Schönheit und Pracht stehen die Orchideen ihren Verwandten aus den wärmeren Gefilden der Erde in nichts nach.

Mit etwa 25 000 Arten besiedeln die Orchideen nahezu jeden Lebensraum auf der Erde. Die größte Artenanzahl gedeiht in Europa am Mittelmeer. Die Alpen scheinen für viele Arten eine unüberwindbare Barriere auf dem Weg nach Mitteleuropa zu bilden. Dennoch haben sich mediterrane Vertreter den Weg sogar bis nach Deutschland und in weiter nördlich liegende Länder geebnet. Insbesondere der Klimawandel sorgt dafür, dass sich Orchideen, die in Deutschland bereits Fuß gefasst haben, weiter nach Norden ausbreiten. Bocksriemenzuge, Ragwurz und Pyramidenorchis erobern sich zunehmend Biotope, die weit nördlich des Mains und der Ruhr liegen. Selbst mitten im Ruhrgebiet bieten die aufgeschütteten Halden für manche Orchidee einen idealen Ersatzlebensraum. Wer vor 20 Jahren die Vermutung äußerte, dass sich Halden als Rückzugsbiete für seltene Pflanzen und Tiere bewähren und vermehrt das Interesse von Biologen und Botanikern wecken, erhielt mit einem Lächeln die damals passende Antwort.

Zwar haben sich in Recklinghausen diese seltenen Orchideen bisher nicht angesiedelt. Dennoch lohnt auch in der Festspielstadt der Blick in die Natur, um besonders zwei Arten zu finden, die noch als relativ häufig anzusehen ist. Während das Breitblättrige Knabenkraut (Dactylorhiza majalis) unter der Entwässerung der Feuchtwiesen leidet und Stickstoffeintrag durch Düngung sowie die intensive Landwirtschaft für einen doch mittlerweile starken Rückgang dieser Orchidee geführt haben, breitet sich die Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine) sogar noch aus. In Vorgärten, Parks und sogar mitten in der Stadt findet diese bis zu einem Meter hohe Pflanze geeignete Lebensbedingungen. Sie fällt eher durch ihre Größe auf als durch ihre unscheinbaren Blüten, die zwischen weißrosa bis grünlich variieren. Beim genauen Blick in die Blüte begeistert die Stendelwurz durch ihre filigrane Schönheit. Der Großteil der Orchideen öffnet im Mai und Juni ihre Blüten. Die Stendelwurz gehört zu den späteren Vertretern ihrer Familie und blüht von Mitte Juli bis Mitte/Ende August. Sie besitzt sogenannte zygomorphe oder dorsiventrale Blüten, d.h. sie besteht aus zwei spiegelgleichen Hälften. In nahezu allen Biotopen fühlt sich diese unscheinbare, aber attraktive Orchidee zu Hause. Aber auch in Laubwäldern, an Waldrändern und auf Feuchtwiesen gedeiht sie vorzüglich.

Mit ihrer dunkelroten Blütenfarbe zieht das Breitblättrige Knabenkraut den Blick aufmerksamer Beobachter in ihren Bann. Besonders auf Feuchtwiesen kann sie Massenbestände bilden. Selbst im Ruhrgebiet existieren Wiesen mit mehreren Tausend Exemplaren. Sie blüht im Ruhrgebiet von Mitte Mai bis Mitte Juni. Durch die Mahd nach der Blütezeit kann der Bestand innerhalb weniger Jahre explodieren. Dann können die Samen reifen und sich vor Einsetzen der Mahd verbreiten.

Orchideensamen verfügen über kein Nährgewerbe, so dass sie bei der Ansiedlung in einem neuen Lebensraum auf einen Pilz angewiesen sind, der ihnen die Nährstoffe zum Wachstum zur Verfügung stellt. Durch das geringere Gewicht der Samen kann die Pflanze erheblich mehr Samen produzieren. Dadurch kann sich die Orchidee eine größere Anzahl geeigneter Lebensräume erschließen.

Die Orchideen stellen in der Evolution die am höchsten entwickelte Gattung innerhalb des Pflanzenreiches dar. Die Artenentwicklung ist bei den Orchideen noch lange nicht abgeschlossen.

Besonders bei den sogenannten Ophrysarten (Ragwurz), die im Mittelmeerraum ihren Verbreitungsschwerpunkt in Europa besitzen und mit sechs Arten in Deutschland vertreten sind, ist die Entstehung neuer Arten besonders gut zu dokumentieren. Die Lippen der Ophrysblüten imitieren den weiblichen Hinterleib bestimmter Insekten und locken die Insektenmännchen an. Diese werden zu Pseudokopulationen verführt und die Orchideen gleichzeitig bestäubt. Die Insekten sehen die Orchideenblüte als potentiellen Partner an, werden jedoch in die Irre geführt. Diese Sexualtäuschblumen stellen damit ein kleines Wunder der evolutionären Entwicklung dar. Zusätzlich strömen die Ragwurzpflanzen Sexualduftstoffe aus, deren Kombination dem Insektenduftstoff sehr ähnlich ist. Damit ist die Täuschung perfekt.

In Deutschland wachsen die Fliegen-, Bienen-, Hummel- und Spinnenragwurz. Je nach Auslegung des Artbegriffs erweitert sich das Artenspektrum auf sechs unterschiedliche Varianten. Wenn ein männlicher Bestäuber eine Ragwurz anfliegt, den Blütenpollen mitnimmt und dann eine andere Ragwurzart anvisiert, entwickeln sich Hybriden, die, wenn sie fruchtbare Nachkommen erzeugen, sogar eine neue Art bilden können. Das erschwert insbesondere die Orchideenbestimmung im Mittelmeerraum, zumal manche Experten bei kleinen Unterschieden bereits neue Arten beschreiben. Profitgier und Narzissmus spielen natürlich dann eine bestimmte Rolle. Damit wir uns weiter über die Schönheit der Orchideen erfreuen können, bedürfen sie unseres besonderen Schutzes.

[Text und Bilder: U.Nickel]

  

Links Hummelragwurz und rechts Geflecktes Knabenkraut(2)